AUSSTELLUNGEN
VERANSTALTUNGEN REISEN GESCHICHTE   MENSCHEN ALTENBURG

GEDANKEN ZUR ZEIT


Sie sind keine Nazis - Leserbrief von Wolfgang Böhm

Die Führer der Bewegung „Bürgerforum“, AfD und ähnlicher Organisationen verkünden wiederholt: „Wir sind keine Nazis!“. „Wenn man uns so bezeichnet, obwohl wir nur Kritik üben, dann dürfen sich unsere Gegner nicht wundern, dass wir uns wehren“, beklagen Sie sich und fühlen sich als Opfer. Doch wer sind die Sprecher dann? Wer erhebt hier die Stimme im Namen „des Volkes“, im Namen „der Altenburger“? Es sind Mitbürger, die Anführer einer Bürgergruppe sein wollen. Sie möchten, dass diese Gruppe immer stärker wird und damit auch ihr eigener Einfluss, ihre eigene Macht wächst.

So weit ist noch alles akzeptabel. Nicht akzeptabel ist jedoch, dass ihnen für das Erreichen ihrer Ziele jedes Mittel recht ist. Sie wählen Methoden, die die Würde eines jeden einzelnen Menschen angreifen, die durch Schüren von Ängsten und Hass ein friedliches Miteinander verhindert. Dieses Vorgehen führte schon einmal in die Katastrophe. Ich möchte diese Entwicklung im Altenburger Land nicht. Ich möchte den Missbrauch der Medien nicht, die heute weit effektiver sind, als sie in der Vergangenheit je waren. Ich möchte nicht, dass jeder, der eine andere Sichtweise der Ereignisse hat, bis zur Unkenntlichkeit nieder gemacht wird.

Ich bin in großer Sorge, dass die Sprache des „Dritten Reiches“, die schon einmal ein Volk verführte, zum Alltag in der politischen Auseinandersetzung wird. Nach umfangreichen Studien des damaligen Sprachgebrauchs in den Medien, verglichen mit heutigen Ausführungen einiger Sprecher in der politischen Arena, komme ich zum Schluss: es sind erschreckend viele inhaltliche Übereinstimmungen mit dem hasserfüllten völkischen Vokabular der Nationalsozialisten, die die gleiche Wirkung erzielen. Das Ergebnis von damals ist bekannt. Da werden alle Register gezogen, um die Menschenwürde zu verletzen. Dabei spielt es keine Rolle, welche Verdienste die angegriffenen Personen in ihrem Leben erworben haben. Nicht einmal die natürliche Person oder die real existierenden Gruppen spielen eine Rolle. Vor 80 Jahren waren es Juden, Sinti und Roma, Behinderte, „Untermenschen“, Zeugen Jehovas, politische Gegner usw. Heute sind es..., hier erspare ich mir die Aufzählung, da sie schon morgen nicht mehr aktuell ist. Dass ein Mensch wagt, eine andere Erkenntnis oder Kultur zu haben, oder auch nur anders aussieht, reicht aus.

Kritisieren möchte ich auch die Aufforderungen zum Boykott von Museen und Theater. Dies erinnert mich stark an Bücherverbrennungen und die Vernichtung von „Entarteter Kunst“. Als Kunsterzieher durfte ich erleben, dass gerade die Kunst ein Symbol der Freiheit, der Kreativität des Gedankens und des Dialogs ist.

Schlussfolgerung: Bei vielen Bürgern kommt der Gedanke auf, diese Anführer geben sich wie Nazis - nein, Nationalsozialisten (Nazis) sind sie nicht. Sie sind Anführer vom „Bürgerforum“ und von der „Alternative für Deutschland“! Für ihr Handeln und für ihre Sprache tragen sie allein die Verantwortung. Entsprechend werden sie auch wahrgenommen. Ich fordere deshalb alle Akteure auf: achtet auf eure Sprache, achtet auf euer Handeln und achtet auf die Würde eines jeden einzelnen Menschen, egal wo er auf dieser Erde lebt. Wehret den Anfängen! Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch! (Berthold Brecht).


Wolfgang Böhm 




Interview :  „Vielen ist nicht klar, wer an der Spitze der AfD steht“

André Neumann ist Oberbürgermeister von Altenburg in Thüringen. Er sieht im Osten ein Rechtsextremismus-Problem – und empfiehlt Lösungen.

25.7.2020 - 08:05, Toni Spangenberg, BERLINER ZEITUNG

André Neumann, Oberbürgermeister von Altenburg (Thüringen).Foto: Ronny Seifarth (MA Stadtverwaltung)


Altenburg - Wer heute Kommunalpolitiker wird, sieht sich vermehrt Anfeindungen und Hass von rechts ausgesetzt. Viele schreckt das ab, andere scheuen sich, eine klare Haltung zu vertreten. André Neumann (CDU) ist da anders. Björn Höcke (AfD) und Andreas Kalbitz (AfD) bezeichnet der Bürgermeister der thüringischen Stadt Altenburg offen als Nazis. Angst, Opfer von rechter Gewalt zu werden, haben weder er noch seine Familie. Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht er über die Fehler, die seit den Neunzigerjahren bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus gemacht wurden.

Vor einem Besuch der beiden rechtsradikalen AfD-Politiker Björn Höcke und Andreas Kalbitz in Ihrer Stadt in der vergangenen Woche schrieben Sie bei Twitter, die beiden Nationalsozialisten seien nicht willkommen. Wie waren die Reaktionen darauf?

 95 Prozent waren positiv. Die Unterstützung wurde größer, breiter und lauter, als das Eilverfahren von Herrn Höcke dazukam. Laut Gerichtsbeschluss darf ich mein Willkommensempfinden als Oberbürgermeister nicht so ausdrücken. Darüber herrscht bei vielen Menschen großes Unverständnis. Ich persönlich als Mensch bin zutiefst davon überzeugt, dass die beiden nationalsozialistische Ideologien verfolgen. Und ich bin der Meinung, auch wenn es das Gericht anders sieht, dass ein Oberbürgermeister gerade diesen beiden sagen kann, sie sind in der Stadt nicht willkommen. Immerhin haben das am 16. Juli 1200 Menschen direkt auf dem Altenburger Markt deutlich zum Ausdruck gebracht. Ich als Oberbürgermeister akzeptiere den Gerichtsbeschluss selbstverständlich und werde diese Äußerung nicht mehr treffen.


André Neumann (Bild)

@AndreNeumannABG


Als Oberbürgermeister darf ich laut Gerichtsbeschluss über Höcke und Kalbitz nichts zu meinem Willkommensempfinden schreiben. Okay! Ich bin froh, in einem Rechtsstaat zu leben, der auch auf alle Rechte aufpasst. Ich wünsche einen schönen Abend. PS: Tweet gerichtskonform gelöscht.

Sie scheuen nicht davor zurück, Haltung zu zeigen. Warum äußern Sie sich so klar?

Weil wir gefühlt schon zu lange damit gewartet haben. Es gibt seit Jahren eine Debatte, wie man Wähler der AfD zurückgewinnt. Ich bin schon immer klar für die Abgrenzung zu allen rechten, nationalsozialistischen wie auch menschenverachtenden Personen, die unsere Demokratie verändern wollen. Wir als CDU müssen uns von dem Weg, der dort gegangen wird, von der Ideologie, abgrenzen. Nur so hat man in Zukunft Erfolg und gewinnt Wähler. Denn sie wollen Klarheit, aber niemanden, der sich irgendwo andient. Daneben ist vielen auch gar nicht klar, wer da an der Parteispitze, vor allen in Thüringen, steht. Denn nicht jeder hat Höckes Buch oder Kalbitz’ Lebenslauf gelesen. Auch die Einladung Kalbitz’ zur Kundgebung nach Altenburg zeigt, wo man als Partei hin will. Vielleicht können wir den Aufklärungsprozess anschieben und noch deutlicher und klarer sagen, um wen es sich hier handelt.

Einige Ihrer CDU-Kollegen haben nach der Landtagswahl im vergangenen Jahr offen über eine Zusammenarbeit mit der AfD nachgedacht. Auch hat die CDU zusammen mit AfD und FDP Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten gewählt, obwohl das Kalkül der AfD schon vorher hätte klar sein müssen. Wie weit ist der Weg angesichts dessen, zu einer klaren Abgrenzung der CDU nach rechtsaußen?

Der Weg ist weit, aber eigentlich haben wir gar keine Zeit, weil nächstes Jahr gewählt werden soll. Die Kemmerich-Wahl war aus meiner Sicht strategisch ein großer Fehler. Wir müssen die eigenen Fehler benennen und nach vorne aufzeigen, wie wir es besser machen wollen.

Ein gutes Beispiel ist Bayern. Die haben vor einigen Jahren einen Anbiederungskurs an die AfD gefahren, was mich erschrocken hat. Dadurch sind sie in der Wählergunst abgestürzt und haben ihre Strategie komplett geändert. Nun grenzen sie sich ganz klar ab, zeigen auf die Felder, die sie bearbeiten und ändern wollen. Das hat Erfolg. Ich glaube, davon kann man lernen.

Haben Sie das Gefühl Sie stehen im Kampf gegen den Rechtsextremismus allein da? Oder erfahren Sie Unterstützung von Amtskollegen?

Das ist eine Mischung. Ich empfinde viel Unterstützung. Es gibt aber natürlich auch die, die in der Abgrenzung nach rechts immer eine Tendenz nach links empfinden. Das ist aber nicht der Fall. Es sind noch zu wenige, die ganz offen wirksam in der Öffentlichkeit mit dem Thema Rechtsextremismus umgehen. Da gibt es natürlich Ängste. Man hört auch von vielen Situationen, in denen Menschen beschimpft und angegangen werden, bis ins Private hinein. Es gibt Drohungen von Rechten. Das zeigt, mit wem wir es zu tun haben. Auch das gehört zum Aufklärungsprozess dazu, den Menschen mitzuteilen, wie hier mit denen umgegangen wird, die eine andere Meinung vertreten. Bei dem einen oder anderen erzeugt es natürlich auch das Gefühl, so sich selbst oder die   Familie in den Fokus zu stellen. Das wollen viele nicht und halten sich zurück. So kommen wir aber nicht vorwärts. So werden wir die Entwicklung eher stärken.

Auf Twitter haben Sie auch vor einiger Zeit von Rassismus gegen Weiße gesprochen. Leisten Sie mit Äußerungen wie diesen nicht selbst dem Vorstoß des Rechtsextremismus Vorschub?

Den Tweet habe ich selbst als dämlichsten Tweet des Jahres nominiert. Er ist extrem unglücklich. Ich wollte sagen, dass wir – schwarz und weiß – nur zusammenwachsen können, wenn auch die Schwarzen die Weißen im gleichen Maße respektieren, wie sie es für sich wünschen. Mit dem Allgemeinvorwurf, alle Weißen sind schon aufgrund ihrer Stellung in der Gesellschaft rassistisch, habe ich ein Problem. Das habe ich versucht auszudrücken, was mir aber nicht gelungen ist. Ich habe mich dafür, bei denen die es verletzt hat, entschuldigt und mich erklärt.

Haben Sie selbst keine Angst um sich oder Ihre Familie?

Ich weiß auch gar nicht, wie naiv das ist, was ich sage, aber ich habe nicht direkt Angst. Ich werde auch angegangen, aber bisher nicht in einem Maße, wo ich mich oder meine Familie in Gefahr sehe. Meist bleiben die Leute nur sehr tief unter der Gürtellinie, beleidigend und entwürdigend.

Es ist insgesamt erschreckend, wie versucht wird, Menschen mittels Drohung in ihrer Meinung zu beeinflussen. Und das noch ganz feige mittels Anonymität.

André Neumann

Der NSU stammt aus Thüringen – jetzt werden Politiker mit Schreiben bedroht, die mit „NSU 2.0“ unterzeichnet werden. Ist das eine neue Qualität der Bedrohung?

Es ist insgesamt erschreckend, wie versucht wird,

. Und das noch ganz feige mittels Anonymität. Es muss dringend an Konzepten für die Sicherheit von Politikern und Verwaltungsangestellten gearbeitet werden. Leider ist mehr Schutz mittlerweile notwendig.

Wie häufig werden Sie bedroht und beleidigt?

Bedroht weniger, es geht eher um Beleidigungen. In den sozialen Medien ist es ziemlich einfach, auch anonym auf Politiker loszugehen. Das erlebt man sehr viel und das unter jeglichem Inhalt. Selbst wenn man einen Gutenmorgengruß schreibt, kann das passieren. Das häuft sich. Heutzutage nehmen auch die Beleidigungen unter Klarnamen zu. Ein Stück weit ist der Respekt gegenüber denen, die sich für eine Region einsetzen, verloren gegangen.

Wann ist Ihnen das klar geworden, dass der Respekt verloren gegangen ist und auf der anderen Seite der Hass und die Gewalt gegen Kommunalpolitiker zugenommen haben?

Das sind die letzten fünf Jahre. Das hat schon mit der Entscheidung Deutschlands zu tun, bei dem Thema Flüchtlinge zu helfen, und zwar auf eine sehr rabiate Art. Egal, wie gut wir selbst vorbereitet waren, wir haben gesagt, wir sind für Menschen in Not da. Das empfinde ich im Übrigen immer noch als richtige Entscheidung unseres Landes. Danach wurde aber ein Fehler im Umgang mit der Thematik gemacht. Denn die Akzeptanz der Menschen auch zuzulassen, dass sich das eigene Umfeld aufgrund solcher Entscheidungen verändert, ist bei vielen sehr gering. Das drücken viele leider mit Respektlosigkeit, Beleidigungen und Angriffen aus.

Sie haben auch die 90er-Jahre in Thüringen direkt nach der Wende miterlebt. War das Problem mit dem Rechtsextremismus damals ähnlich groß wie heute?

Ja, es war nur nicht so gesellschaftsfähig. Ich habe neben dem Studium in einer Diskothek gearbeitet. Auch da wurde ganz rabiat mit Andersfarbigen oder Ausländern vor der Disko umgegangen. Ich kenne das Thema von jeher. Allerdings ist der offene Umgang, dass es salonfähig ist, sich gegen Menschen und Menschenrechte zu stellen, neu.

Was glauben Sie, wie das salonfähig geworden ist?

Die sozialen Medien machen es einfach. Und natürlich auch die Strategie durch die Akzeptanz mancher Positionen einer Partei mit nationalsozialistischer Ideologie, Wähler zurückholen zu wollen. Dieser Fehler, den viele in der CDU jahrelang gemacht haben, erhöht natürlich die Akzeptanz und macht das Gedankengut salonfähig. Daher bin ich auch der Meinung, dass wir uns, und das tun viele in der CDU, klar abgrenzen und uns um die Zukunftsthemen kümmern müssen.

Ohne, dass man deswegen rechts sein muss, gibt es im Osten eine größere Anzahl an Menschen, die sich abgehängt fühlen und die nicht daran glauben, dass das Projekt Wende gelungen ist.

André Neumann

Glauben Sie, dass es Rechtsextremisten in Ostdeutschland leichter haben, Anhänger zu finden als in den alten Bundesländern? Der Vergleich der Wahlergebnisse der AfD in Osten und Westen legt diesen Verdacht immerhin nahe.

Zur Wendezeit habe ich als Student mal einem Professor zugehört, der sagte, Ostdeutschland auf das Niveau von Westdeutschland zu bringen in der Lebensqualität, den Löhnen, der Infrastruktur und allen anderen Bereichen, dauert ungefähr 30 Jahre. Diese 30 Jahre sind um. Und es klafft immer noch eine große Lücke. Manchmal ist es nur eine gefühlte. Wenn Löhne niedriger, dafür aber auch Mieten und Lebenshaltungskosten geringer sind, gibt es da einen gewissen Ausgleich. Dennoch ist es nicht gelungen, eine gefühlte Gleichwertigkeit zwischen Ost und West herzustellen. Es gibt viele, die mit der Wende auch verloren haben an Halt. Ohne, dass man deswegen rechts sein muss, gibt es eine größere Anzahl an Menschen, die sich abgehängt fühlen und die nicht daran glauben, dass das Projekt Wende gelungen ist.

Was müsste da Ihrer Meinung nach passieren?

Wenn man den Blick von außen auf den Ostdeutschen einnimmt, fühlt man sich weniger respektiert, integriert, angenommen. Mir selbst geht es zwar nicht so, aber ich spüre es bei vielen Menschen. Es geht auch darum in welchen Führungspositionen in Wirtschaft und Politik Ostdeutsche vertreten sind. In all diesen Dingen sprechen wir wieder von Integration.

Über André Neumann

André Neumann wurde 29. September 1977 in Altenburg geboren, ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Mit 23 Jahren trat er in die Junge Union ein. Einen ersten Anlauf, Oberbürgermeister von Altenburg zu werden, unternahm er 2012, unterlag jedoch dem SPD-Amtsinhaber. Seit 2018 ist Neumann nun Oberbürgermeister von Altenburg. Vor seinem Wechsel ins Rathaus war der studierte BWLer Personalleiter bei VW in Leipzig.

https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/andre-neumann-vielen-ist-nicht-klar-wer-an-der-spitze-der-afd-steht-li.94744




 

TV-Professor Harald Lesch  

"Homöopathie ist völliger Blödsinn"

Von Steven Sowa

18.10.2020, 14:33 Uhr

Prof. Harald Lesch: Für das ZDF macht er Wissenschaftsjournalismus und versucht, komplexe Zusammenhänge verständlich aufzubereiten. (Quelle: ZDF)

Er ist der wohl bekannteste TV-Professor Deutschlands: Harald Lesch. Im Interview mit t-online spricht er über Corona-Leugner, einen folgenschweren Unfall und seine Abneigung gegen die Homöopathie.

Wussten Sie, dass Harald Lesch als Jugendlicher tagelang über einen Strohhalm ernährt wurde und anschließend in der Schule zur Hochform auflief? Der 60-Jährige spricht nur selten über den Unfall, der sein Leben verändert hat. Im t-online-Interview liefert der Astrophysiker und Naturphilosoph auch noch bei anderen Themen bemerkenswerte Einblicke – und findet beim Thema Homöopathie klare Worte.

t-online: Lieber Herr Lesch, wünschen Sie sich manchmal, dass Verschwörungsgläubiger vom Fahrrad fallen und durch ein überstandenes Hirntrauma eine klarere Einsicht bekommen?

Harald Lesch: (lacht) So wie Sie es beschreiben, habe ich es mir noch nie gewünscht. Aber so ähnlich.

Sie wissen, warum ich das so ketzerisch frage. Sie haben in Ihrer Kindheit einen Fahrradsturz erlebt, der angeblich dafür gesorgt hat, dass Sie anschließend besser in der Schule waren. Sie sollen ein unterdurchschnittlicher Matheschüler gewesen sein und brauchten Förderunterricht. Nach dem Unfall in der Oberstufe und dem erlittenen Schädelbasisbruch sollen Sie mathematisch hochbegabt gewesen sein.

Ich habe nach einem Fahrradsturz für längere Zeit mit einer Gehirnerschütterung und einem Schädelbruch im Krankenhaus gelegen. Vorher war ich ein mieser Schüler und danach ein ziemlich guter Schüler. Ich würde aber nicht sagen, dass das ursächlich mit meinem Unfall zu tun hat, sondern vielmehr mit der Tatsache, dass ich so lange im Krankenhaus lag. Das hat mir genug Zeit gegeben, um darüber nachzudenken, wie es mit mir in der Zukunft weitergehen soll.

Also sind Sie nicht von dem Phänomen überzeugt, dass durch große Erschütterungen neurologische Veränderungen im Gehirn stattfinden können?

Das ist schon möglich, aber in meinem speziellen Fall glaube ich das nicht. Ich habe nur mit dem Strohhalm Essen zu mir genommen, weil ich wegen meines Schädelbruchs nicht kauen durfte. Ich bin damals sehr dünn geworden und das hat mich nachdenklich gemacht. Kurz: So ein Unfall ist nicht zu empfehlen und Erkenntnisse lassen sich auch kommunikativ herbeiführen, dafür braucht es keine lebensgefährlichen Erschütterungen.

Die Welt der Verschwörungsideologien: Harald Lesch und Dirk Steffens erklären in ihrer Sendung auch, was die Pest mit Verschwörungsglauben zu tun hat. (Quelle: ZDF/Martin Christ)

Die Wissenschaft steht derzeit unter Beschuss, wie lange nicht. In Ihrer Sendung "Ein Fall für Lesch und Steffens: Streiten für die Wahrheit" wollen Sie Verschwörungsideologien auf den Grund gehen. Haben Sie dafür mit diesen Menschen das Gespräch gesucht?

Mit Menschen, die vollständig in diesem Verschwörungssumpf gefangen sind, macht ein Gespräch keinen Sinn. Außer wüsten Beleidigungen kommt da nicht viel. Denen kann man nur mit besten Wünschen für die weitere Entwicklung Lebewohl sagen.

Erreichen Sie mit Ihrer Sendung dann überhaupt die richtigen Menschen? Oder korrelieren die Corona-Leugner und Verschwörungssympathisanten mit der Fraktion der Zwangsgebühren-Schreihälse, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen aus Prinzip meiden?

Die Schreihälse gucken die Sendung trotzdem an. Im Zweifel auch nur, um uns eins auszuwischen. Die sind permanent auf Fehlersuche. Man muss ihnen praktisch etwas anbieten, einen kleinen Fehler zum Beispiel, damit sie sich bestätigt fühlen. Aber mit dem Großteil unserer Sendung können wir sie inspirieren, sich tatsächlich mal mit den Fakten auseinanderzusetzen.

Welche Fehler bieten Sie diesen Menschen denn an?

Das wird man sehen. (lacht) Jedenfalls ist es nicht so, dass wir nur eine Verschwörungstheorie nach der anderen zerlegen. Wir machen auch einen historischen Abriss und sprechen mit Giulia Silberberger, die seit Jahren Aufklärungsarbeit über Verschwörungsideologien leistet. Sie erklärt uns, ab wann das Zweifeln ungesunde Züge annimmt.

Ungesund ist ein gutes Stichwort. Ab wann dachten Sie dieses Jahr eigentlich: Corona ist wie ein Brandbeschleuniger für Blödheit?

Ich weiß nicht, ob man das Blödheit nennen kann. Es prasselt viel auf die Menschen ein durch die Medien – und oft sind das eben zugespitzte Schlagzeilen oder aufgebauschte Halbwahrheiten.

Aber Medien betreiben auch wichtige Aufklärungsarbeit. Daran wird es wohl kaum liegen können, dass Verschwörungsmythen derart Hochkonjunktur haben.

Vieles von dem, was wir heute sehen, ist Jahrhunderte alt. Bloß konnten sich die Menschen im Mittelalter, als sie neue medizinische Standards abgelehnt haben, nicht derart schnell vernetzen wie heute. Die Vernetzung ermöglicht heute ein exponentielles Wachstum an, salopp gesagt, Bullshit.

Wie schützt man sich vor diesem Bullshit?

Die Menschen brauchen ein starkes intellektuelles Immunsystem.

Warum gelingt es dennoch vielen Menschen nicht, Wahrheit und Falschbehauptung auseinanderzuhalten?

Weil die Menschen heutzutage ihre Möglichkeiten nicht nutzen. Insbesondere die Coronavirus-Krise ist die ideale Gelegenheit, weltweite Daten miteinander zu vergleichen. Das geht mit einfachsten Recherchemethoden. Man braucht sich nur anzuschauen, wie sich das Virus beispielsweise in den USA, wo Donald Trump mit großer Unverantwortlichkeit regiert, verbreitet. Länder, die zu locker mit Sars-CoV-2 umgehen, geraten massiv unter Druck. In Deutschland ist das zum Glück nicht der Fall.

Warum gehen die Menschen hierzulande dann trotzdem auf die Straße? Ist es das Präventionsparadoxon? In Deutschland funktionieren die Vorsichtsmaßnahmen so gut, dass Leute nun mit der Vorwurfshaltung auf leere Intensivstationen zeigen und brüllen: 'Seht her wie harmlos Corona ist.'

Ja zum einen ist es das Verdrehen von Wirklichkeiten. Zum anderen sieht man derzeit wieder sehr gut, wie viel Nachholbedarf Deutschland im Bereich der Mathematik hat. Das sind einfachste Zahlenmodelle, aber sie zeigen: die mathematische Lehre an Schulen muss grundlegend verändert werden.

Hatten Sie auch in Ihrem privaten Umfeld bereits mit Corona-Leugnern zu tun und mussten Aufklärungsarbeit leisten?

Im erweiterten Bekanntenkreis ist es tatsächlich aufgetreten. Bei dem Fall habe ich dann freundlich, höflich und humorvoll darauf hingewiesen, dass ich als Astrophysiker Kontakte zu Außerirdischen habe und die mir bezeugen können, dass Corona ein bedrohlicher Virus ist.

Nicht immer ist es so lustig, mit diesen Menschen zu kommunizieren.

Das stimmt. Ich habe bereits dramatische Auseinandersetzungen mit Menschen gehabt, die die Klimakrise geleugnet haben. Das sind immer Männer, mit denen ich aneinandergerate. Ich habe noch nie eine Frau kennengelernt, die mir wutentbrannt Märchen aufgetischt hat. Alte weiße Männer leugnen die Klimakrise und junge Frauen gehen mit Fridays-for-Future auf die Straße – das ist mein Eindruck.

Auch Sie würden als alter, weißer Mann durchgehen. Was unterscheidet Sie denn von dieser Zuschreibung, die weniger auf das Äußerliche als vielmehr auf die inneren Einstellungen bezogen ist.

Gute Frage, vielleicht ist es die Philosophie, die mich seit Jahren dazu zwingt, meine eigene Wissenschaft auch von außen kritisch zu betrachten. Ich halte einfache Antworten in komplexen Systemen für völlig unmöglich. Das ist es vielleicht, was mich in den Augen anderer nicht unbedingt zu einem dieser "alten weißen Männer" werden lässt.

Aber Unfehlbarkeit wollen Sie damit nicht zum Ausdruck bringen, oder? Wie wichtig ist Ihnen das Eingestehen von Fehlern?

Fehlerkorrekturen sind unheimlich wichtig. Schritt für Schritt zur Lösung und dabei immer wieder korrigierend eingreifen – das ist Wissenschaft. Wir gehen in Deutschland mit Fehlern viel zu negativ um. Wir können viel aus Fehlern lernen – das gilt insbesondere in einer Zeit, in der uns ein noch größtenteils unerforschter Virus in Atem hält.

Dennoch sind auch im Fernsehen, in dem Sie und Ihr Kollege Dirk Steffens für das ZDF Wissenschaftsjournalismus präsentieren, Wissenschaftlerinnen in der Unterzahl.

Wir arbeiten daran. Aber es stimmt natürlich: Vor allem in den Naturwissenschaften herrscht ein großer Mangel an Frauen. In Ländern wie Italien, Spanien oder Frankreich läuft das schon besser als bei uns.

Wirkt sich das in diesen Ländern auch auf eine bessere Wissenschaftskommunikation aus?

In den genannten Ländern sind Verschwörungstheorien auch sehr verbreitet. Der Einfluss des Weiblichen innerhalb der Naturwissenschaften macht sich im Bereich der Verschwörungsmythen überhaupt nicht bemerkbar.

Harald Lesch: In "Terra X Lesch & Co" erklärt er im ZDF die Welt. (Quelle: ZDF)

Oft beschleicht einen das Gefühl, dass es den Hetzern besser gelingt, Ihre toxische Agenda möglichst breit in den sozialen Medien zu streuen, als es der Wissenschaft gelingt, ihre faktischen Erkenntnisse zu kommunizieren. Woran liegt das?

Ja, es ist wirklich erschreckend, wie gut Verschwörungsverbreiter und Rechtsnationale vernetzt sind und wie gut sie ihren Unsinn verbreiten. Die gehen sehr gut mit der ultramodernen Technologie der Digitalisierung um und beherrschen diese deutlich besser als deutsche Ämter oder staatliche Institutionen. Auch die Bundeswehr verfügt nicht über die besten Leute, wenn es um Cyber-Abwehr geht und ja: möglicherweise hat auch die Wissenschaft Nachholbedarf. Aber auch daran arbeiten wir. Vor allem daran, dass komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge verständlich aufbereitet werden.

Wenn diese Verschwörungsverbreiter so clever kommunizieren, warum ist der Inhalt dann derart unterkomplex?

Diese Leute müssen sich schon selbst amputieren, um tatsächlich zu glauben, was sie verbreiten. In der Verschwörerszene herrscht eine große Verlogenheit. Zu behaupten, dass Corona oder die Klimakrise Fake-News seien, aber gleichzeitig großes technisches Knowhow besitzen, um die Echtheit von Quellen und die Validität von Fakten überprüfen zu können, passt nicht zusammen.

Wer sind dann die Profiteure dieser Verschwörungsmythen?

In der Abteilung Homöopathie und Esoterik gibt es gewaltige Profiteure. Leute, die die Schulmedizin für Teufelswerk halten, rüsten sich massenhaft mit dubiosen Heilmitteln aus. Außerdem gibt es Buchautoren und Influencer, die mit der Verleumdung der Krise Geld machen.

Also sind es einige Wenige, die mit der großen Unsicherheit Geld verdienen?

Ich denke schon. Es gibt sicher auch Menschen, die sich finanziell mit ihrem Wahnsinn ruinieren. Aber auf der anderen Seite gibt es die, die ganz gezielt Kapital aus der Krise schlagen. Und drittens gibt es auch die politische Einflussnahme. Menschen aus dem rechten Lager kapern diese Corona-Demonstrationen für ihre Zwecke und lassen den Zweifel am deutschen Rechtsstaat ganz allmählich in den Mainstream sickern. Die freuen sich über die gute Organisation solcher Demos und den Relativismus, der damit einhergeht: 'Das sind ja nicht alles Idioten und Nazis'. Somit schaffen die Rechten es, ihr Gift in die Gesellschaft zu träufeln.

Es geht also um politische Macht? Die Corona-Krise wird genutzt, um das deutsche System zu unterwandern und Einfluss auf die gesellschaftliche Stimmung zu nehmen?

Natürlich geht es denen um Macht. Das fängt an mit einigen Verwirrten, die den Reichstag stürmen. Ich will mir gar nicht ausmalen, was passiert, wenn bei den Rechten Intellektuelle auftreten, die öffentlich nicht so viel Blödsinn erzählen wie die AfD. Das kann dazu führen, dass eine Krisensituation wie die Corona-Pandemie weitreichende Folgen hat – auch in einem gefestigten Staat wie Deutschland.

"Ein Fall für Lesch & Steffens" im ZDF am 18.10.2020, 19:30 - 20:15 Uhr: "Alternative Fakten" haben Konjunktur. Die Wahrheit kommt dabei unter die Räder. In ihrer Sendung nehmen Harald Lesch und Dirk Steffens Verschwörungsideologien unter die Lupe und entdecken dabei wiederkehrende Muster.

Für wie gefährlich halten Sie denn diesen Mix aus Homöopathen und Nazis?

Sehr gefährlich, denn beide Lager leben in einer Scheinwelt. Sie bauen ihre Welt auf Meinungen auf, nicht auf objektiven Wahrheiten. Sie überhöhen diffuse innere Erfahrungen zu vermeintlicher Wissenschaft. Dabei gehorchen diese Erfahrungen nicht den gleichen Kriterien, wie die der evidenzbasierten Wissenschaft. Wir haben ein riesiges Debattenproblem, wenn diese inneren Welten aus Ideologien, Religionen und Esoteriken gleichgesetzt werden mit Beobachtungen, die ohne Weiteres überprüft werden können.

Und die Rechten verwenden die gleichen Methoden?

Das ist genau das gleiche. Diese Erzählung von der jüdischen Weltverschwörung ist doch komplett an den Haaren herbeigezogen. Das ist nichts weiter als Xenophobie: die innere Ablehnung gegenüber dem Fremden.

Halten Sie Homöopathie auch im Allgemeinen für gefährlich?

Ja, absolut. Wenn jemand zum Beispiel ein Herzproblem hat und er ginge damit zum Heilpraktiker, dann ist das gefährlich.

Wie lässt sich diese Gefahr bannen?

Wir müssen mit unseren Schulklassen dahingehen, wo unser Land am Leben erhalten wird. Zur Feuerwehr, in die Kanalisation, in die Krankenhäuser. Woher kommt unser Wasser, woher der Storm, welche Rettungsmaßnahmen finden in einem Krankenhaus in der Notaufnahme statt? Damit die Kinder sehen, was jeden Tag mit unserer Schulmedizin möglich ist – und wie viele Menschenleben damit gerettet werden.

Die Homöopathie gehört also nicht zu den Bereichen, die Kinder unbedingt kennenlernen müssen?

Nein, wieso auch? Es gibt interessanterweise keine homöopathischen Notfallwagen oder eine Notaufnahme an der nächsten Homöopathie-Apotheke. Wenn auf der Straße ein Unfall passiert und ein Mensch blutend unter einem Auto liegt, holt niemand einen Homöopathen. Homöopathie ist eine Wohlfühlmedizin, die eine Begleitung sein kann, wenn es um systemische Krankheiten geht. Aber wenn es um konkrete, akute Fälle geht, dann ist Homöopathie völliger Blödsinn.

Sie sagen es selbst und tatsächlich ist Naturheilkunde als Begleittherapie bei vielen Menschen sehr beliebt. Also ist nicht alles schlecht an der Homöopathie?

Man muss einfach sehen: Wer ist Koch und wer ist Kellner. Die Schulmedizin ist der Koch und der Kellner darf gerne auf das Menü noch ein bisschen Petersilie aufstreuen, aber das war es dann auch. Seine Aufgabe ist es, das Besteck sauber zu halten. Der Koch bereitet das Essen zu und nur das landet am Ende im Körper.

Bei all der schweren Kost. Wie schaffen Sie es, abzuschalten?

Einen Moment, hören Sie? (Klaviermusik ertönt)

Sie spielen Klavier?

Wenn ich mich an mein Klavier setze und Musik mache, entspanne ich automatisch. Schachspielen ist auch eine wichtige Entspannungstechnik für mich. Und ich mache viel Ausdauersport, ich bin ein begeisterter Ruderer. Das alles hilft mir, wenn ich ins Internet schaue und mal wieder mit Entsetzen denke: 'Das kann doch alles nicht wahr sein!'

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Harald Lesch
Karte
Infos